BERGWELT
Gewiss geht die thematische Vertiefung auf einem wissenschaftlichen Spezialgebiet ein wenig über den synthetischen Charakter eines Reiseführers hinaus. Und doch ist es bezaubernd, zu wissen, dass vor Millionen von Jahren im Valle Brembana eine warme tropische Sonne brannte, und man kann auch nicht verschweigen, dass das gegenwärtige Interesse, fossile Zeugnisse zu finden, die dies bestätigen, die Aufmerksamkeit zahlreicher Forscher weckt, die den Wechsel der Erdzeitalter studieren.
Aber auch die Neugier eines einfachen Wanderers wird geweckt, wenn es sich ihm aus irgend einem Grund bietet, in freiliegenden oder zerbrochenen Felsen die versteinerten Reste vorgeschichtlichen Lebens zu erkennen.
Alles kann man auf die Zeit vor 20 Millionen Jahren zurückführen, als das Mittelmeer noch viel größer war als heute, weit und offen und mit dem Atlantischen und Indischen Ozean verbunden. Italien existierte noch nicht und Europa und Afrika bestanden nur aus ihrem zentralen Kern und Frankreichs.
Dieser Zustand blieb ziemlich stabil erhalten, bis vor 50 Millionen Jahren der afrikanische Kontinent begann, sich gegen den europäischen zu verschieben. Dies führte zu einer Faltenbildung der Erdoberflächen und zur Entstehung der Bergketten der Pyrenäen, der Alpen und des Balkans. Die Apenninen erhoben sich einige Millionen Jahre später aus den Wassern des antiken Mittelmeers. Diese Kontinentverschiebung bewirkte gleichzeitig die Verschließung des Mittelmeers in Richtung Gibraltar und gegen Syrien und die Türkei und verwandelte es in einen riesigen trockenen Salzsee.
Erst vor wenigen Millionen Jahren öffnete sich durch die Annäherung von Afrika an Europa eine tiefe Kluft bei Gibraltar und die Wasser des Atlantiks drangen ins Mittelmeer ein, füllten es und gaben ihm in Tausenden von Jahren ein Aussehen, das dem heutigen ähnelt.
Die letzte bedeutende Senkung geht auf rund 20.000 Jahre zurück, als sich der Bosporus senkte und das neue Mittelmeer mit dem Schwarzen Meer verband, wenngleich das Ausmaß der Veränderung geringer war als in entfernteren Epochen.Die kalten Süßwasser vom Norden Russlands durchquerten das Schwarze Meer, flossen ins Mittelmeer und senkten dessen Temperatur und Salzgehalt. Durch dieses Ereignis wurde der Mittelmeerraum geografisch und klimatisch etwa so gestaltet, wie er sich heute darstellt und somit den hochentwickeltsten der primitiven Menschen, den HOMO SAPIENS aufnehmen konnte, aus dem heraus sich durch wohl bekannte vorhistorische und historische Ereignisse die menschliche Zivilisation bis zu den heutigen Tagen entwickelt hat.
Man kann sich nur schwer vorstellen, in welchem Zustand die Erde vor dem Erscheinen des Menschengeschlechts war, in Epochen, die zeitlich so weit entfernt sind, dass sie für den menschlichen Geist fast unfassbar sind. Und doch sind diese gigantischen Verwandlungen geschehen und einige höchst bedeutende Beweise dieser Entwicklungen sind auch im Valle Brembana entdeckt worden, in besonderer Weise ab 1976 im Gebiet von Zogno.
Es handelt sich um die Entdeckung zahlreicher Fossilien von Fischen, Reptilien und Pflanzen, die von Experten auf die Zeit vor rund 220 Millionen Jahren zurückgeführt werden (oberes Trias), und die uns zeigen, dass sich in längst vergangenen Epochen im Valle Brembana und insbesondere in Zogno ein nicht sehr tiefes, geradezu warmes Meer mit Salzwasser mit zerklüfteten Küsten und üppiger Vegetation befand, ähnlich, wie wir sie heute auf den Korallenriffen im Atlantik und im Pazifik vorfinden.
Die toten Fische und Reptilien sanken auf den Grund des antiken Mittelmeers. Da sich dieses Phänomen über Millionen von Jahren ausdehnte, bildeten sich organische Schichten von Ablagerungen, die oft Dutzende, in manchen Fällen auch Hunderte von Metern ausmachten, die im Laufe der Jahrmillionen dank der im Wasser enthaltenen chemischen Substanzen versteinerten.
Als vor 50 Millionen Jahren aus bereits beschriebenen Gründen die Formation der Alpenkette begann, hoben sich die tiefsten Steinschichten, die gewissermaßen die Wurzeln der Alpen bildeten, und mit ihnen erhoben sich auch die darüber liegenden Sedimentschichten, d. h. der ehemalige Meeresgrund mit seinen Fossilien. Zonen dieser Schichten, die Fossilien enthalten, wurden unregelmäßig an die Oberfläche gebracht und kamen in Kontakt mit der Luft. Gletscher, Flüsse und Regenfälle erodierten im Laufe der Jahrmillionen die Oberfläche oder die Haut dieser Schichten, bis die Spuren der versteinerten Organismen zum Vorschein kamen.
Über diesen tief gelegenen Schichten, welche die Oberfläche nur zufällig und an wenigen Punkten des Val Brembana erreichen konnten (außer in Zogno gibt es begrenzte Aufschlüsse auch im Valle Brembilla und im Valle Imagna), lagerten sich später andere, also weniger alte Sedimentschichten ab, einige davon wenige Millionen Jahre vor dem Beginn der Formation der Alpen auf dem Grund des antiken Mittelmeers.
Deshalb findet man in allen Orobischen Voralpen, insbesondere im ganzen Val Brembana, leicht Fossilien von Muscheln verschiedenster Arten, Schnecken, Gastropoden aller Größen, Seeigel, kleine Korallen und andere wirbellose Tiere. Ziemlich bekannt, sehr schön und groß (rund 80 cm) sind verschiedene Gastropoden, die sich auf den Bergen vorfinden, welche die sogenannten Piani di Scalvino kurz vor Lenna flankieren. Das Ergebnis der Forschung rechtfertigt die Maßnahme, alle Fossilien des Valle Brembana in einem einzigen Museum aufzubewahren, das in der Lage ist, das Studium und die systematische Wiederaufnahme der Grabungen nach fossilen Vorkommen zu aktivieren, welche die Entdeckung weiterer wichtiger wissenschaftlicher Zeugnisse versprechen.
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